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Osterbotschaft des Ökumenischen Patriarchen

Lfd.-Nr. 279

+ Bartholomaios,

durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,

und Ökumenischer Patriarch

allem Volk der Kirche Gnade, Friede und Erbarmen

von Christus, dem in Herrlichkeit auferstandenen Erlöser

* * *

Verehrte Brüder im Bischofsamt und im Herrn geliebte Kinder,

Durch Fasten, Gebet und in Ergriffenheit haben wir den lichtbringenden und allfestlichen Tag des Heiligen Osterfestes erreicht und besingen und verherrlichen die welterlösende Auferstehung unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus. Sie kennzeichnet den herrlichen Sieg des Lebens über den Tod, erneuert die ganze Schöpfung und eröffnet dem Menschen den Weg zur Vergöttlichung aus Gnade. Die Kirche Christi bewahrt die österliche Erfahrung in ihrem liturgischen Leben, in den Kämpfen der Heiligen und Glaubenszeugen, in der eschatologischen Ausrichtung des Mönchtums, in der Verkündigung des Evangeliums „bis an die Grenzen der Erde“, in der Theologie und der Kunst des Lobpreises, im guten Zeugnis der Gläubigen in der Welt, in der Kultur der Liebe und der Solidarität sowie in der unerschütterlichen Gewissheit, dass das Böse in der Geschichte nicht das letzte Wort hat.

Die Auferstehung des Herrn erfahren wir als von Christus geschenkte Freiheit, welche die schöpferischen Kräfte des Menschen inspiriert, nährt und stärkt – den guten Kampf für alles, „was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist“.[1] Sie erinnert uns daran, dass der Weg zur Auferstehung untrennbar mit dem Kreuz verbunden ist. Die Freude, die Kreuz und Auferstehung umschließt, bewahrte das Volk Gottes davor, sich dem Geist dieser Welt anzupassen, und schützte es zugleich vor fruchtloser Abgeschlossenheit und einer Spiritualität ohne Dynamik und hoffnungsvolle Lebenskraft. Das Leben der Gläubigen in Christus, der für uns Menschen gekreuzigt und auferstanden ist, macht auch heute alle fremden Narrative vom christlichen Ethos als „Moral der Schwachen“ zunichte, die angeblich von Demut, Vergebung, selbstloser Liebe, Askese, vom Wort des Herrn „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand“[2] und anderen Prinzipien und Haltungen, die den Kern der eigenen Identität betreffen,  geprägt sei. Nichts ist unzutreffender als eine solche Auffassung. Das christliche Ethos ist vielmehr die selbstlose Liebe, die „nicht ihren Vorteil sucht“, verbunden mit Mut, Tapferkeit und existenzieller Echtheit. Ostern ist ein Hymnus auf diese Freiheit, auf den „in der Liebe wirksamen“[3] Glauben, der nicht unsere eigene Leistung ist, sondern Gnade und Geschenk von oben, und der in den heiligen Mysterien der Kirche und im „Geheimnis“ des Dienstes am Nächsten gelebt wird. Denn wahrlich: „Die Liebe zu Gott duldet keineswegs den Hass gegen den Menschen.“[4]

Die Kirche Christi, das „Salz der Erde“, das „Licht der Welt“, eine Stadt „die auf dem Berg liegt“, das Licht „auf dem Leuchter“[5], bezeugt in der Welt angesichts der Zeichen der Zeit die auf uns gekommene Gnade und „die Hoffnung, die uns erfüllt“[6]. Das Wort vom Kreuz und von der Auferstehung erklingt heute als Evangelium des Friedens, der Versöhnung und der Gerechtigkeit. Krieg, Hass und Ungerechtigkeit widersprechen den grundlegenden christlichen Prinzipien, für deren Verwirklichung und Festigung das Volk Gottes täglich betet und arbeitet. Im Licht der Auferstehung bitten wir den Herrn für die Opfer der Gewalt, für die Waisen, für die Mütter, die ihre Kinder beweinen, und für alle, die in Leib und Seele die Folgen menschlicher Grausamkeit und Gefühllosigkeit tragen. Das „Christus ist auferstanden“ ist eine Absage an Gewalt und Angst und ein Aufruf zu einem Leben in Frieden. Der Krieg bringt Klage und Tod hervor; die Auferstehung besiegt den Tod und schenkt Unvergänglichkeit.

Angesichts der täglichen Bilder der Grausamkeit des Krieges verkündet die Kirche mit lauter Stimme die Heiligkeit der menschlichen Person in jedem einzelnen Menschen wo auch immer auf Erden und die Pflicht, sie uneingeschränkt zu respektieren. Sie ruft dazu auf: „Erkennen wir unsere Würde, halten wir das Urbild in Ehren! Erfassen wir die Bedeutung des geheimnisvollen Festes und den Zweck des Todes Christi!“[7] Die Auferstehung des Herrn ist die Wiederherstellung des Menschen in seine ursprüngliche Veranlagung. Als „Erstling eines anderen, ewigen Lebens“ heilt sie die Beziehungen, die  fehlgeleitet sind, und begründet den Frieden, „der alles Verstehen übersteigt“[8], und der Versöhnung und Frieden in der Welt umfasst.

Das Heilige und Große Konzil der Orthodoxen Kirche – dessen Einberufung sich in diesem Jahr zum zehnten Mal jährt – hat die Pflicht der Kirche hervorgehoben, „nach dem zu streben, was zum Frieden beiträgt (Röm 14,19), und eröffnet den Weg für Gerechtigkeit, Geschwisterlichkeit, die wahre Freiheit und die gegenseitige Liebe zwischen allen Kindern des einen himmlischen Vaters sowie zwischen allen Völkern, die eine einzige Menschenfamilie bilden“[9].

Das Heilige Osterfest ist die Summe unserer spirituellen Kultur, der Kern unseres Glaubens. Die Auferstehung des Herrn ist auch unsere eigene Auferstehung in dieser Welt, Vorausbild und Vorgeschmack der „Auferstehung aller Menschen“ und die Erneuerung der ganzen Schöpfung. Erleuchtet vom lichtvoll strahlenden Antlitz des auferstandenen Christus verherrlichen wir seinen heiligen Namen in Gesängen, Hymnen und geistlichen Liedern– den Namen des Friedensfürsten, der „alle Tage bis zum Ende der Welt“[10] bei uns ist – und wünschen euch eine gesegnete Feier der Auferstehung, die euch mit göttlichen Gaben in der ganzen Osterzeit und an allen Tagen eures Lebens erfüllen möge, und rufen freudig aus:

„Christus ist auferstanden! Wahrhaftig, der Herr ist auferstanden!“

Phanar, Ostern 2026

+ Bartholomaios von Konstantinopel

Euer aller inständiger Fürbitter bei Christus, dem Auferstandenen


[1] Phil 4,8.

[2] Mt 5,39.

[3] Gal 5,6.

[4] Maximos der Bekenner, Capita de caritate, PG 90, 964.

[5] Mt 5,13-15.

[6] Vgl. 1 Petr 3,15.

[7] Gregor d. Theologe, 1. Rede, Das heilige Osterfest. Erwähnung der eigenen Zaghaftigkeit, PG 35, 397.

[8] Phil 4,7.

[9] Der Auftrag der Orthodoxen Kirche in der heutigen Welt, III, 5.

[10] Mt 28,20.